{"id":1127,"date":"2024-12-03T10:00:00","date_gmt":"2024-12-03T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dorp.de\/?p=1127"},"modified":"2025-07-24T09:36:56","modified_gmt":"2025-07-24T07:36:56","slug":"stahlstandort-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorp.de\/en\/stahlstandort-deutschland\/","title":{"rendered":"Stahlstandort Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein internationaler Vergleich<\/h2>\n\n\n\n<p>Beim Thema Stahl, ist es ungeachtet des Kontexts kaum m\u00f6glich, Deutschland dabei au\u00dfenvor zu lassen. Denn egal, ob im weltweiten oder europ\u00e4ischen Vergleich der Produktionszahlen, bei der Entwicklung, den Produktionsmethoden und bei noch weiteren Bereichen: \u201eGerman Steel\u201c ist nach wie vor und trotz aller Widrigkeiten eine bedeutende Konstante in der Stahlwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst 2023, als die Produktion aus verschiedenen Gr\u00fcnden ein historisch niedriges Niveau erreichte, entstanden hierzulande immer noch 35,4 Millionen Tonnen Rohstahl \u2013 beim europ\u00e4ischen Zweitplatzierten, Italien, waren es 21 Millionen Tonnen. Damit war&nbsp;<strong>Deutschland<\/strong>&nbsp;sogar in diesem schlechten Jahr&nbsp;<strong>f\u00fcr knapp 30 Prozent der EU-Produktion verantwortlich<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem genie\u00dft Stahl made in Germany weltweit nach wie vor einen exzellenten Ruf. Grund daf\u00fcr ist nicht zuletzt eine historisch recht einzigartige Herangehensweise, bei der der hiesige Stahlstandort gleich mehrfach tiefgreifende Transformationen erlebte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von Anfang an dabei: Industrialisierte Stahlherstellung in Deutschland<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"530\" src=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-2-1024x530.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1183\" srcset=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-2-1024x530.jpeg 1024w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-2-300x155.jpeg 300w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-2-768x397.jpeg 768w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-2-1536x794.jpeg 1536w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-2.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Seitdem in Europa&nbsp;<a href=\"https:\/\/dorp.de\/von-rennoefen-und-eisenschwaemmen\/\">die ersten Stahlherstellungsmethoden<\/a>&nbsp;Einzug hielten, war das Gebiet des heutigen Deutschlands immer ganz vorn mit dabei. Das gilt auch, wenn wir nur auf die industrielle Stahlfertigung blicken. Zwar gilt Gro\u00dfbritannien als Wiege der Industrialisierung im Allgemeinen und der Stahl-Industrialisierung im Besonderen. Das noch bis zur Reichsgr\u00fcndung 1871 bestehende Geflecht aus Kleinstaaten unter preu\u00dfischer F\u00fchrung wurde jedoch ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der gr\u00f6\u00dften Konkurrenten der Briten, um gegen Ende der 1800er zu Europas Stahlgigant zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war das&nbsp;<strong>Wachstum der Produktionsmengen<\/strong>&nbsp;in der Gesamtheit der damaligen deutschen Staaten wirklich beeindruckend:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>1850: 0,2 Mio. t<\/li>\n\n\n\n<li>1885: 1,0 Mio. t<\/li>\n\n\n\n<li>1905: 10 Mio. t<\/li>\n\n\n\n<li>1918: 19 Mio. t<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das mag zwar verglichen mit jenen 35,4 Millionen Tonnen aus dem Jahr 2023 nicht viel wirken. Einerseits ist jedoch gerade die extreme Steigerung bemerkenswert. Zudem wurden die damaligen Mengen mit im Vergleich zu heute archaischen Produktionsmethoden generiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Definitiv legte dieser Erfolg w\u00e4hrend der Industrialisierung den Grundstein, um Deutschland zu einem bis heute erfolgreichen und bedeutenden Stahlproduzenten zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Deutschlands Weg als Stahlproduzent bis in die Gegenwart<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Verlauf der Industrialisierung gab es f\u00fcr verschiedene L\u00e4nder vergleichbare Chancen, zu den \u201eBig Playern\u201c der Stahlproduktion zu werden. Manche Nationen ergriffen sie, viele verloren jedoch den Status im Lauf der Jahrzehnte. Interessant ist dabei, dass Deutschland zu den wenigen Staaten geh\u00f6rt, die ihren Status als wichtiger Produzent praktisch \u00fcber die gesamte Zeit beibehalten konnten. Vergleichen wir dazu die zehn wichtigsten Stahl-Nationen der Jahre 1900 und 2023:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th><\/th><th>1900<\/th><th>2023<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>1<\/td><td><strong>USA<\/strong><\/td><td>China<\/td><\/tr><tr><td>2<\/td><td><strong>Deutsches Reich<\/strong><\/td><td>Indien<\/td><\/tr><tr><td>3<\/td><td>Gro\u00dfbritannien<\/td><td><strong>Japan<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>4<\/td><td>Frankreich<\/td><td><strong>USA<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>5<\/td><td>Belgien<\/td><td><strong>Russland<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>6<\/td><td><strong>Russisches Reich<\/strong><\/td><td>S\u00fcd-Korea<\/td><\/tr><tr><td>7<\/td><td>\u00d6sterreich-Ungarn<\/td><td><strong>Deutschland<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>8<\/td><td>Schweden<\/td><td>T\u00fcrkei<\/td><\/tr><tr><td>9<\/td><td>Italien<\/td><td>Brasilien<\/td><\/tr><tr><td>10<\/td><td><strong>Japan<\/strong><\/td><td>Iran<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Top-10 der Stahlproduzenten im Wandel der Zeit<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Interessant ist hier, dass Japan 1900 gerade erst dabei war, zu einem expandierenden Stahlproduzenten zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum Deutschland bereits fr\u00fch und bis heute eine so gro\u00dfe Rolle spielt, begr\u00fcndet sich in mehreren Faktoren:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Ressourcen:&nbsp;<\/strong>Das Deutsche Reich verf\u00fcgte mit Ruhr, Saar und Oberschlesien \u00fcber gleich drei sehr gro\u00dfe (Stein-)Kohlereviere, dazu noch mehrere kleinere Reviere. Dadurch konnte sogar der relativ geringe einheimische Anteil an Eisen- und anderen f\u00fcr die Stahlproduktion wichtigen Erzlagerst\u00e4tten ausgeglichen werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Eisenbahn:&nbsp;<\/strong>Deutschland setzte auf die Bahn und f\u00f6rderte den Ausbau. Das sorgte einerseits f\u00fcr eine gute Transportinfrastruktur und andererseits wirkte es sich positiv auf Bergbau und Metallproduktion aus.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Konzerne:&nbsp;<\/strong>Das Deutsche Reich erm\u00f6glichte die Bildung leistungsf\u00e4higer Mischkonzerne wie etwa Krupp, Thyssen und Gutehoffnungsh\u00fctte, die verschiedene Schritte der Stahlfertigung und -verarbeitung vertikal integrierten und dadurch sehr \u00f6konomisch arbeiteten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Querverbundene Schl\u00fcsselindustrien:&nbsp;<\/strong>Von Anfang an st\u00e4rkte das Land verschiedene weitere Industrien, die mit der Stahlherstellung verbunden waren. \u00c4hnlich wie bei der Eisenbahn im 19. Jahrhundert gab es deshalb \u00fcber lange Zeit eine gute Integration mit einem einheimischen Markt.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Modernisierung:&nbsp;<\/strong>Im Zweiten Weltkrieg wurde Deutschlands Stahlproduktion umfassend besch\u00e4digt und danach durch Reparationsleistungen weiter vermindert. Das erzwang eine Modernisierung, wodurch insbesondere West-Deutschland ab den 1950er Jahren starke Wettbewerbsvorteile generieren konnte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Optimierung &amp; Spezialisierung:&nbsp;<\/strong>W\u00e4hrend ab etwa den 1970ern viele andere \u201eAlt-Produzenten\u201c Stahl nicht mehr wirtschaftlich fertigen konnten, investierte Deutschland stark in effizientere Produktionsmethoden sowie ver\u00e4nderte Schwerpunkte. Dadurch wandelte das Land sich bis zu den 1990ern und 2000ern von einem Massenstahlhersteller zu einem Spezialisten f\u00fcr seltener nachgefragte, jedoch f\u00fcr Hochleistungsanwendungen unverzichtbare Speziallegierungen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"651\" src=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-3-1024x651.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1181\" srcset=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-3-1024x651.jpeg 1024w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-3-300x191.jpeg 300w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-3-768x488.jpeg 768w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-3-1536x976.jpeg 1536w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-3.jpeg 1700w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;<strong>Rolle der Politik<\/strong>&nbsp;darf dabei nicht vernachl\u00e4ssigt werden: Schon vor der Reichsgr\u00fcndung konnten deutsche Stahlhersteller stets auf eine zumindest wohlwollende Politik vertrauen. Dies \u00e4nderte sich \u00fcber die verschiedenen deutschen Staatsformen nur wenig. Zudem konnte die hiesige Stahlindustrie im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert durch&nbsp;<strong>Schutzz\u00f6lle<\/strong>&nbsp;vor britischer und US-amerikanischer Konkurrenz bewahrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt bewies der andauernde politische Support seinen Wert w\u00e4hrend der Stahlkrise(n) im Verlauf der 1970er und 1980er. Bei den fr\u00fcheren Stahlgr\u00f6\u00dfen Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Belgien blieb eine \u00e4hnliche Unterst\u00fctzung aus. Zwar bekam auch Deutschland die Folgen dieser Krise deutlich zu sp\u00fcren \u2013 dank politischer Unterst\u00fctzung \u00fcberlebte die Industrie jedoch. In verschiedenen anderen L\u00e4ndern verlor dieser Wirtschaftszweig hingegen massiv an Bedeutung und sie konnten nie wieder an den fr\u00fcheren Marktanteil ankn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group digression-box\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Exkurs: Die Stahlkrise der 1970er<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Verlauf der 1970er Jahre kam es zu einer dramatischen Strukturkrise in vielen stahlproduzierenden Industrienationen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr lagen in<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>einem Ende des Nachkriegs-Wirtschaftsbooms,<\/li>\n\n\n\n<li>weiterhin hohen Produktionsmengen in den traditionellen Stahlnationen,<\/li>\n\n\n\n<li>neu hinzukommenden Playern wie Brasilien und Indien,<\/li>\n\n\n\n<li>durch die \u00d6lpreiskrise stark gestiegenen Energiekosten und<\/li>\n\n\n\n<li>davon ausgel\u00f6sten \u00dcberproduktionen und Verdr\u00e4ngungswettbewerben.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Infolgedessen entstanden vielerorts un\u00fcberwindbare Standortnachteile. In West-Deutschland f\u00fchrte das zu&nbsp;<strong>zahlreichen H\u00fcttenschlie\u00dfungen<\/strong>. Gleichzeitig sch\u00fctzte die Bundesregierung den Stahlstandort erneut gegen ausl\u00e4ndische (insbesondere \u00fcberseeische) Konkurrenz. Die Konzerne nutzten diese Gelegenheit, um ihre&nbsp;<strong>Produktion effizienter aufzustellen<\/strong>&nbsp;\u2013 wobei dies vielfach auch Entlassungen bedeutete.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt halfen West-Deutschlands&nbsp;<strong>starke Automobil- und Maschinenbauindustrie&nbsp;<\/strong>sowie die<strong>&nbsp;Anbindung an die EG<\/strong>&nbsp;(Vorl\u00e4ufer der EU) dabei, die Nachfrage nach deutschem Stahl aufrechtzuerhalten und so den Standort vor dem Kollaps zu bewahren.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Obwohl Deutschland diese Krise besser meisterte als andere Staaten, setzte dennoch in ihrem Zuge ein massiver Wandel f\u00fcr den Stahlstandort ein. Dieser wurde noch weiter angefeuert, als es ebenfalls ab den 1970er Jahren zu einer gro\u00dfen deutschen&nbsp;<strong>Werftenkrise<\/strong>&nbsp;kam, die bis in die 1990er anhielt. In diesen etwa 15 Jahren steigerten Japan und S\u00fcd-Korea ihre Marktanteile bei der Schiffproduktion durch niedrigere Preise bei vergleichbarer Qualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-4-1024x683.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1179\" srcset=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-4-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-4-300x200.jpeg 300w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-4-768x512.jpeg 768w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-4-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-4.jpeg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zugleich reduzierte sich die globale Nachfrage nach neuen Schiffen. Der Konkurs der Bremer Rolandwerft 1972, die Schlie\u00dfung der AG-Weser-Werft 1978, das Ende der B\u00fcsumer Werft 1986 sowie der Untergang der Vulkan-Werft 1996 f\u00fchrte zu einer deutlichen Reduzierung einheimischer Abnehmer f\u00fcr deutsche (Massen-)St\u00e4hle.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Marktkonkurrent China: Spannende Entwicklung<\/h2>\n\n\n\n<p>1978 befand sich&nbsp;<strong>China<\/strong>&nbsp;in einer Transformationsphase nach Maos Tod. Unter anderem legte das Land dabei das&nbsp;<strong>Programm der \u201eVier Modernisierungen\u201c<\/strong>&nbsp;auf. Einer der Ans\u00e4tze war das allm\u00e4hliche Etablieren einer Stahlindustrie, die nicht nur im Rahmen des eigenen Landes funktionierte, sondern weltmarktf\u00e4hig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits zu Lebzeiten hatte Mao versucht, eine einheimische Schwerindustrie aus dem Boden zu stampfen \u2013 basierend auf unz\u00e4hligen kleineren, dezentralen Standorten. Die Strategie scheiterte jedoch aus mehreren Gr\u00fcnden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Nutzung vorindustrieller Methoden (kleinere \u00d6fen) mit denen sich kein hochwertiger Stahl produzieren l\u00e4sst.<\/li>\n\n\n\n<li>Unrealistisch hohe Zielvorgaben, die aufgrund mangelnder Ressourcen nicht erreicht werden konnten.<\/li>\n\n\n\n<li>Fachliche M\u00e4ngel f\u00fchrten zu hohen Ausschussraten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die \u201eVier Modernisierungen\u201c sollten es anders machen. Infolgedessen entwickelte sich China in den darauffolgenden 30 Jahren tats\u00e4chlich zu einem Stahlproduzenten, der in Sachen Masse alles bislang Dagewesene in den Schatten stellte \u2013 nicht zuletzt dank starker westlicher Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th>Jahr<\/th><th>Weltproduktion<\/th><th>China<\/th><th>Deutschland<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>1990<\/strong><\/td><td>440<\/td><td>66<\/td><td>42<\/td><\/tr><tr><td><strong>2006<\/strong><\/td><td>1.200<\/td><td>420<\/td><td>47,2<\/td><\/tr><tr><td><strong>2023<\/strong><\/td><td>1.892<\/td><td>1.019<\/td><td>35,4<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><figcaption class=\"wp-element-caption\">Chinas Aufstieg als Stahlproduzent (Produktion in Millionen Tonnen)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>China allein produzierte 2023 also fast das Zweieinhalbfache im Vergleich zur Weltstahlproduktion 1990. Ein zentraler Grund daf\u00fcr ist eine&nbsp;<strong>\u00fcberlegene Rohstoffsituation<\/strong>. China findet praktisch alles N\u00f6tige im eigenen Land. Allerdings soll das Deutschlands Beitrag keineswegs schm\u00e4lern. Vielmehr ist erstaunlich, dass die Bundesrepublik trotz einer solchen Konkurrenz (zu der u. a. Indien und viele andere Staaten hinzukommen) noch eine vergleichsweise gesunde Stahlindustrie und -produktion vorweisen kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stahlproduktion in Deutschland heute: Spezialisierung als Marktvorteil<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-5-1024x683.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1177\" srcset=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-5-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-5-300x200.jpeg 300w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-5-768x512.jpeg 768w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-5-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-5.jpeg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Grund liegt in einem weiteren&nbsp;<strong>Transformationsprozess<\/strong>: Deutschlands Stahlindustrie (zusammen mit den noch verbliebenen anderen europ\u00e4ischen Herstellern) gelang es seit den 1990ern, einen enormen Wandel zu stemmen. Weg vom aussichtslos gewordenen Versuch, mit Masse dagegenzuhalten, hin zu einer Industrie, die dank ihrer Erfahrung und des allgemeinen metallurgischen Backgrounds des Landes das liefern kann, was die anderen Stahlgiganten nicht k\u00f6nnen:&nbsp;<strong>hochwertige Legierungen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutsche Stahlstandort ist deshalb seit etwa 20 Jahren im besten Sinn nach der Devise&nbsp;<strong>\u201eKlasse statt Masse\u201c<\/strong>&nbsp;aufgestellt. Dazu z\u00e4hlen etwa Stahlprodukte, die nicht in gro\u00dfen Mengen nachgefragt werden, beispielsweise simple Bau- und Konstruktionsst\u00e4hle. Der Schwerpunkt wurde stattdessen auf Stahlerzeugnisse gelegt, die ein hohes Ma\u00df an Know-how im Bereich Metallurgie und Veredelung voraussetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Grundmaterial f\u00fcr typische Gitterstahlmatten f\u00fcr Betonfundamente stammt heute mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Werk in der Volksrepublik oder Indien. Geht es hingegen um hochwertigen&nbsp;<a href=\"https:\/\/dorp.de\/metalle-fuer-die-medizin\/\">Edelstahl f\u00fcr chirurgische Instrumente<\/a>&nbsp;oder eine Sonderlegierung f\u00fcr stark beanspruchte Verdichterschaufeln in einem D\u00fcsentriebwerk, dann punkten die Stahlerzeugnisse made in Germany.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Stahlstandort Deutschland in der Zukunft<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Zeit steht nicht still \u2013 Anspr\u00fcche ver\u00e4ndern sich ebenso wie M\u00e4rkte. Zudem kommt mit jeder produzierten Tonne Stahl, mit jedem Tag mehr Wissen hinzu. Es w\u00e4re deshalb falsch, anzunehmen, Deutschland k\u00f6nne sich unbesorgt auf seinem Status als Hersteller hochwertiger St\u00e4hle ausruhen. Auch L\u00e4nder wie China versuchen mit spezialisierten Stahlprodukten ebenfalls Marktanteile zu gewinnen und weniger abh\u00e4ngig von Importen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Derzeit steht Deutschland daher vor einer&nbsp;<strong>herausfordernden Zukunft<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Es muss gelingen, die zunehmend\u00a0<strong>strenger werdenden CO<sub>2<\/sub>-Grenzwerte der EU<\/strong> einzuhalten.\u00a0Angesichts dieser unverr\u00fcckbaren Ziele kann in Deutschland produzierter Stahl mittelfristig praktisch nur \u00fcber\u00a0<a href=\"https:\/\/dorp.de\/nachhaltigkeit-im-bereich-metallherstellung-und-verarbeitung\/\">die sogenannte Wasserstoffroute<\/a>\u00a0hergestellt werden. Jedoch bedingt das aufgrund der n\u00f6tigen Versorgung und Infrastruktur Anstrengungen, die nicht allein in der Hand der Industrie liegen \u2013 sondern auch bei der Politik. Das ist die derzeit wohl schwierigste Herausforderung.<\/li>\n\n\n\n<li>Bei der Stahlproduktion sind hohe Temperaturen mit entsprechenden Energiemengen n\u00f6tig. Selbst wenn die Herstellung von Stahl in Deutschland k\u00fcnftig&nbsp;<strong>gr\u00fcner Wasserstoff<\/strong>&nbsp;eingesetzt wird, braucht es f\u00fcr das Aufschmelzen des dabei entstehenden Eisenschwamms zumindest elektrisch betriebene Lichtbogen\u00f6fen. Der daf\u00fcr&nbsp;<strong>notwendige Strom muss zwingend gr\u00fcn und gleichzeitig g\u00fcnstig sein<\/strong>.<\/li>\n\n\n\n<li>Trotz der Kosten des Umbaus muss Stahl aus Deutschland weiterhin zu&nbsp;<strong>wirtschaftlichen Preisen<\/strong>&nbsp;produziert werden k\u00f6nnen, damit er&nbsp;<strong>am Weltmarkt konkurrenzf\u00e4hig<\/strong>&nbsp;bleibt.<\/li>\n\n\n\n<li>Es muss gelingen, gegen\u00fcber China, Indien und anderen Staaten&nbsp;<strong>beim Know-how zur Stahlproduktion<\/strong>&nbsp;dennoch&nbsp;<strong>an der Spitze zu bleiben<\/strong>. Ob dies weiterhin der Bereich einer hohen Qualit\u00e4t ist oder garantierte Klimaneutralit\u00e4t, ist fast nachrangig, solange der Wissensvorsprung unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten funktioniert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-6-1024x683.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1175\" srcset=\"https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-6-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-6-300x200.jpeg 300w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-6-768x512.jpeg 768w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-6-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/dorp.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/81941-Bild-6.jpeg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die mittelfristige Zukunft von deutschem Stahl steht deshalb zumindest vor schwierigeren Verh\u00e4ltnissen als in den zur\u00fcckliegenden 20 Jahren. Dabei ist vor allem Eile geboten, denn allm\u00e4hlich wird f\u00fcr die Industrie der Boden d\u00fcnn. So k\u00fcndigte der neue Chef der Stahl-Sparte von Thyssenkrupp Steel, Dennis Grimm, erst k\u00fcrzlich&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/wirtschaft\/massive-umstrukturierungen-bei-thyssenkrupp-neuer-stahlchef-kuendigt-stellenabbau-an-zr-93329639.html\">tiefgreifende Sanierungsma\u00dfnahmen<\/a>&nbsp;an.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt die allgemein derzeit schwache deutsche Konjunktur d\u00fcrfte daf\u00fcr mitverantwortlich sein. Die hohen Investitionen in den Umbau hin zu einer nachhaltigeren und ressourcenschonenderen Stahlproduktion k\u00f6nnen sich langfristig auszahlen. Sie machen den Stahlstandort Deutschland vor allem unabh\u00e4ngiger vom Faktor Energie. Gerade hier kann es ein Vorteil sein, weniger von Schwankungen und Abh\u00e4ngigkeiten vom Weltmarkt betroffen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bildquellen:<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bild 1: stock.adobe.com \u00a9&nbsp;<a href=\"https:\/\/stock.adobe.com\/de\/images\/hot-billet-bloom-continuous-casting-also-called-strand-casting\/194755575?asset_id=194755575\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">davit85<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Bild 2: stock.adobe.com \u00a9&nbsp;<a href=\"https:\/\/stock.adobe.com\/de\/images\/krupps-steelworks-ruhr-date-1915\/162443704?prev_url=detail\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Archivist<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Bild 3: stock.adobe.com \u00a9&nbsp;<a href=\"https:\/\/stock.adobe.com\/de\/images\/nachkriegs-duisburg-innenhafen-in-den-1950er-jahren-original-historische-postkarte\/759694401?prev_url=detail\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">holger.l.berlin<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Bild 4: stock.adobe.com \u00a9&nbsp;<a href=\"https:\/\/stock.adobe.com\/de\/images\/ship-construction\/58798311?prev_url=detail\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">creativenature.nl<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Bild 5: stock.adobe.com \u00a9&nbsp;<a href=\"https:\/\/stock.adobe.com\/de\/images\/modern-knee-and-hip-prosthesis-made-by-cad-engineer-and-manufactured-by-3d-printing\/112046589?prev_url=detail\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Monstar Studio<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Bild 6: stock.adobe.com \u00a9&nbsp;<a href=\"https:\/\/stock.adobe.com\/de\/images\/steel-production-in-electric-furnaces\/306085656?prev_url=detail\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Andrey<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Rolle spielt Deutschland auf dem Weltmarkt als Stahlproduzent? Wir zeigen die Geschichte und Bedeutung der Stahlindustrie im internationalen Kontext.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1185,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1127","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1127"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1476,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127\/revisions\/1476"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1185"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorp.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}